Lena Meyer war mit Ministerin Staudte auf tour in Estland

mit dieser Gruppe von Ministerin Staudte war Lena Meyer in Estland unterwegs

Junglandwirtin Lena Meyer reiste Ende September bis Anfang Oktober mit einer Delegation der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte nach Estland. Sie vertrat dort die Junglandwirte Niedersachsen. Estland war als Reiseziel auserkoren, weil es als Vorreiter bei der Digitalisierung von Verwaltung und Wirtschaft gilt und zugleich interessante Einblicke in moderne Ansätze des Datenmanagements sowie in die Anwendung Künstlicher Intelligenz bietet. Die Ministerin interessierte sich ferner für fachliche Anknüpfungspunkte bei der Moorbewirtschaftung, der Torfnutzung und der Renaturierung.

So erlebte Lena Meyer die vier Tage in Estland:
Estland ist ein Land, das kleiner ist als Niedersachsen, und Heimat von 1,3 Millionen Menschen. Der Großteil der Esten lebt in der Hauptstadt Tallinn. Die ländliche Bevölkerung lebt weit verstreut außerhalb der Stadt in einer von Wäldern, Mooren und Äckern geprägten Landschaft. Während in Deutschland 236 Menschen pro km² leben, sind es in Estland nur 32. Ein Volk, das viel Platz für den Einzelnen hat. Anna, Praktikantin der Deutsch-Baltischen Handelskammer, beschreibt die Esten als introvertierte Menschen, die sehr individuell leben.

Marktplatz in Tallinn

Wir durften die Esten, die wir trafen, als sehr gastfreundlich und zukunftsorientiert kennenlernen. Estland ist schließlich nicht nur für seine weiten Moore und wilden Landschaften bekannt, sondern auch dafür, dass es eines der Länder in Europa ist, die die Verwaltung des Landes und die Anliegen der Bürger nahezu zu 100 % in die digitale Welt übersetzt haben. Die Steuererklärung ist in weniger als 4 Minuten mit wenigen Klicks erledigt, auch wählen, heiraten und das Vereinbaren von Arztterminen kann mithilfe der E-ID im Handumdrehen online erledigt werden. Nur für einige wenige Behördenvorgänge müssen die Bürger persönlich zum Amt fahren, doch das ist für die Esten eher die Ausnahme. So können die Dienste allen Bürgern flächendeckend angeboten werden. Gäbe es das E-Estonia-Center und seine digitalen Lösungen nicht, wären für viele Esten die Behördengänge mit langen Fahrten verbunden. Im E-Estonia-Center wird uns erklärt, dass diese Strukturen vor allem kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion entstehen konnten. Die junge demokratische Republik hatte sehr wenig Geld und musste ihren Bürgern, die weit verstreut im Land lebten, gleichzeitig alle Dienstleistungen eines Staates anbieten können. Die Digitalisierung der Dienste war somit der Schlüssel zum Erfolg. Die ersten Schritte wurden mit dem klaren Ziel vor Augen unternommen, auch schnellstmöglich Teil der Europäischen Union zu werden. Das Motto lautete: „Never alone again“.

v.l. Hubertus Berges (Vizepräsident Landvolk Niedersachsen), Lena Meyer (Junglandwirte Nds.), Gisa Falldorf (Nds. Landjugend), Stefan Ortmann (Hauptgeschäftsführer Landvolk Niedersachsen)

Jan Scheer, der deutsche Botschafter in Estland, beschreibt die politische Ausrichtung des Landes als neoliberal. Unsere Gruppe wird in den wunderschönen Räumen der deutschen Botschaft sehr herzlich empfangen. Bereits vor über 100 Jahren fanden hier deutsch-estnische Begegnungen statt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte das Gebäude noch der deutschen Baronin Isabella Ungern-Sternberg, die regelmäßig estnische und deutsche Gebildete und Künstler in ihrem Haus auf dem Domberg in Tallinn begrüßte. Heute ist der estnische Staat Eigentümer des Gebäudes. Neben einem kurzen Rückblick in die deutsch-estnische Geschichte gibt Scheer uns auch Einblick in das Bildungssystem. Er beschreibt, dass die Esten klassischerweise Ganztagsschulen besuchen. Die Einbindung der Eltern in den schulischen Alltag sei äußerst gering. Die Schule biete neben individuellen Lernangeboten für lernschwächere Schüler auch Frühstück und Mittagessen an. In Estland kann man nicht sitzenbleiben. Hier werden die schwächeren Schüler individuell betreut, bis sie die erforderlichen Lernziele erreichen. Seiner Meinung nach herrsche an den Schulen eine höhere Chancengleichheit. Und das System scheint zu funktionieren. Bei der jüngsten PISA-Studie belegten estnische Schüler in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften und computergestützte Problemlösung einen der weltweit besten Plätze.

Besuch eines estnischen Milchviehbetriebs

Die Esten sind nicht nur in der Bildung Spitze: Auch in der Milchproduktion erreichen sie mit ihren holstein-friesian hervorragende Leistungen von jährlich 11.400 Kilogramm pro Kuh. Zum Vergleich: Niedersachsen, das als Milchland gilt, lag 2024 im Schnitt bei 9.300 kg. Das wichtigste Exportprodukt der estnischen Pflanzenproduktion ist Getreide. 60 % des Getreides werden als Wintergetreide angebaut. Für den Ackerbau ist vor allem Mittelestland sehr wichtig, da sich dort die höchsten Bodenqualitäten finden. Im Austausch mit Ardi Oja, CEO der Nordic Hemp Cooperation, durften wir eine weitere Kultur besprechen, die heute noch als Nischenprodukt gilt, in Zukunft jedoch als alternative Proteinquelle zunehmend an Bedeutung gewinnen dürfte. Noch werden ihre Produkte vor allem für hochwertige pflanzliche Proteindrinks eingesetzt. Sollte die nachhaltigere Nutzung des Hanfstängels in Zukunft gesichert werden und das Ertragspotenzial der Sorten steigen, könnte er auch in weiteren Bereichen der Humanernährung eingesetzt werden und Soja teilweise ersetzen.

Selbstverständlich beschränkt sich die Landbewirtschaftung in Estland nicht nur auf die landwirtschaftliche Nutzung. Neben der Bewirtschaftung der Wälder wird dort zudem aktiver Torfabbau betrieben. Wir durften das Torfabbaugebiet in Sooniste besuchen und uns einen Eindruck vom aktiven Torfabbau verschaffen. Die Mitarbeiter der AS Tootsi Turvas führten uns durch die nebligen Moore. Gegenstand der Präsentation und der anschließenden Diskussion waren der verantwortungsvolle Abbau und die anschließende Wiedervernässung sowie die Verwendung von Torf als Substrat im Gartenbau. Ministerin Staudte beschrieb dabei den Weg, den die Niedersachsen im Torfabbau eingeschlagen haben und machte deutlich, welchen ökologischen Wert Moore für die Speicherung von CO₂ haben.

Bei all diesen Themen spielte die geografische Lage des Landes und die damit einhergehende Nähe zu Russland immer wieder eine Rolle. Somit war das Thema Lebensmittelsicherung im Krisenfall ein essenzieller Bestandteil unserer Reise. Die Estonia Stockpiling Agency (ESPA) präsentierte ihre Strategien und Lösungsansätze zur Sicherstellung von Lebensmittelvorräten im Krisenfall. Uns wurden Maßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung ausgewählter Supermärkte sowie die Befähigung der Bürger zur Selbsthilfe durch freiwillige Trainings vorgestellt.

Tallinn

Das Programm, das uns in Estland geboten wurde, konnte uns nur einen kleinen Einblick in die verschiedenen Themengebiete geben. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Dialoge zwischen unserer Gruppe und den Esten stets lebhaft waren und von gegenseitigem Interesse zeugten. Estland als Freund in Europa zu wissen, ist eine wertvolle Erkenntnis. Ich freue mich auf ein Wiedersehen in diesem Land. Es gibt noch die unendlichen Moore und Wälder sowie die vielen schönen Ecken der Altstadt von Tallinn zu entdecken.

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